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  • ursula-egner

Warum eigentlich ein Pferd? Wie Pferde als Therapeuten wirken Teil 1: Die innere Haltung



Da komme ich in den Stall und mein Pferd schaut mir entgegen. Ich begrüße es und erzähle ihm, dass es mir heute gar nicht gut geht. Es rülpst mich an. Sehr unhöflich – oder? Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine Praxis, ein Therapeut/eine Therapeutin begrüßt Sie höflich, Sie erzählen von ihrem Kummer – und er/sie rülpst Sie an! Müssen Sie bei der Vorstellung schmunzeln? Ich schon!

Und das führt uns bereits in die Thematik: Warum setzen wir eigentlich Pferde in der Therapie ein? Was ist ihr Mehrwert? Wir können hier zwei große Bereiche trennen: Aussehen und Verhalten des Pferdes auf der einen Seite, die Bewegung des Pferdes auf der anderen. In diesem Artikel soll es zunächst um den ersten Bereich gehen.


Pferdeverhalten und Haltung des Menschen

Das Pferdeverhalten wirkt ein wenig wie ein Spiegel. Pferde spüren und riechen sogar, ob wir entspannt sind oder nicht. Sie schätzen Aufrichtigkeit – freundliche oder fröhliche Fassaden durchschauen sie sofort und dringen zu unseren eigentlichen Gefühlen, sogar zur unserer inneren Grundhaltung, durch. Jedes Pferd reagiert ganz individuell darauf. Sind wir nervös, kann es passieren, dass auch das Pferd gestresst reagiert oder sich vielleicht eiskalt von uns abwendet, weil wir ihm zu anstrengend sind. Vielleicht sind wir aber eigentlich auch viel stärker, als wir denken – der Vierbeiner zeigt es uns, indem er sich uns anschließt. So vielfältig wie die Pferd-Mensch-Begegnungen, so vielfältig sind die Reaktionsmöglichkeiten. Aber eines haben sie gemeinsam: Die Reaktion des Pferdes hat etwas mit unserem echten Sein zu tun, nicht mit unserem Schein. Die Reaktion des Pferdes gibt uns eine Reflexionsgrundlage für unser Auftreten: Warum schließt dieses große Wesen sich mir an? Habe ich vielleicht eine Stärke ausgestrahlt, die ich noch gar nicht entdeckt habe? Warum bleibt es heute nicht bei mir? Spürt es, dass ich heute nicht konzentriert bin, unruhig, vielleicht aggressiv?

Natürlich sollte man diese Interpretationen nicht überstrapazieren. Aber einen kleinen Spiegel geben sie allemal.


Auch das unvorhergesehene Rülpsen gehört dazu und alles, was Ponys manchmal an Quatschköpfigkeit und Kapriolen mit sich bringen: Sie wirken wie der große Verfremdungseffekt nach Berthold Brecht: Ein Gefühl, in das wir absinken, zum Beispiel Trauer oder Wut, wird plötzlich durch Unerwartetes durchbrochen und in Frage gestellt. Manchmal reizt dieses Pony-Handeln einfach zum Lachen und Lachen sorgt für Entspannung. Damit wirken die Ponys wie große Anker, die uns im Hier und Jetzt halten. Diese große Verankerungskraft spürt man nicht nur bei Pferden, sie macht insgesamt die Stärke der Tiergestützten Therapie aus.

Das Pferd hat durch sein Aussehen noch einmal einen sehr hohen Aufforderungscharakter. Die großen Augen, der wache Blick, die weichen Nüstern – fast alles lädt dazu ein, Kontakt mit diesem intelligenten Tier aufzunehmen. Gleichzeitig flößt es durch seine Größe Respekt ein. Wir möchten uns diesem Tier nähern, aber mit dem nötigen Respekt. Eine wunderbare Gelegenheit, um im Rahmen der Reittherapie über Respekt, Grenzen und Regeln zu sprechen. Hier ist es die Aufgabe des Therapeuten, die Bewegungen und Regungen, die das Pferd anbietet, für den Klienten zu übersetzen oder für die Situation zu nutzen.



Pferde zeigen ihre Gefühle nämlich deutlich und unverstellt – für Kinder eine tolle Gelegenheit, über Gefühle zu sprechen und Empathie durch einen Wechsel der Perspektive zu üben. Durch Pferdeaugen betrachtet, sieht die Welt manchmal ganz anders aus. Und – mal ehrlich: Im Setting Stall muss auch nicht alles immer bierernst sein. Denn die Pferde zeigen uns oft vor allem oft auch eines: Dass wir schon in Ordnung sind, wie wir sind. Mit Ecken und Kanten. Wichtig ist, dass wir innerlich immer wieder die richtige Haltung einnehmen.

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